Pocken1

 

Pocken (med.: Variola)

Johannes Kepler fiel in seinem vierten Lebensjahr fast den Pocken zu Opfer. Jedoch behielt er von der Erkrankung ein Augenleiden sowie Narben.
Außerdem erkrankten drei seiner Kinder an den Pocken und am 19. Februar 1611 starb Keplers erst sechs jähriger Sohn Friedrich daran, von dem man sagt, er sei sein Lieblingssohn gewesen.


I. Was sind Pocken?

Pocken2Die Pocken, auch Blattern genannt, sind eine durch Viren hervorgerufene, hochgradig ansteckende, lebensgefährliche Infektionskrankheit, die zu typischen Hautveränderungen führt. Auf Grund des hohen Ansteckungspotenzials breiteten sich die Pocken in einer ungeschützten Bevölkerung sehr rasch aus. Die Folge waren Pockenepidemien.
(Epidemie = das räumlich und zeitlich gehäufte Auftreten einer Erkrankung)


Tierpocken

Die Tierpocken sind nicht artspezifisch und können auf den Menschen übertragen werden.
Von besonderer Bedeutung ist der Erreger der Kuhpocken Orthopoxvirus vaccinia, der mit dem Variolavirus eng verwandt ist, beim Menschen aber nur eine leichtere Krankheit auslöst. Dafür ist der Patient nach einer Ansteckung mit Kuhpocken gegen die echten Pocken immunisiert. Deshalb wurden Varianten von Vaccinia für die Pockenimpfung verwendet.


Harmlosere weiße Pocken

Die weißen Pocken oder Variola minor stellen eine weniger gefährliche Erkrankung als die echten Pocken dar. Allerdings kann man auch an den weißen Pocken versterben, die Sterblichkeitsrate liegt nur bei 1 bis 5 %. Es ist wichtig zu wissen, dass wer an den weißen Pocken erkrankt war, keinen Schutz vor einer Infektion mit dem Erreger der echten Pocken besitzt.

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II. Historisch

Die Pocken sind eine viele tausend Jahre alte Erkrankung. So weist der Körper des Pharaos Ramses V, dessen Mumie im ägyptischen Museum in Kairo liegt, eindeutige Zeichen von Pockennarben auf.
Die ersten Pockenepidemien wurden bereits 1000 v. Chr. in China, dem indischen Subkontinent sowie auf der arabischen Halbinsel bekannt. Die erste historisch belegte Pockenepidemie in Europa herrschte im 6. Jahrhundert. Weitere Epidemien traten im 13. Jahrhundert in England sowie im 15. Jahrhundert in Deutschland auf. Mit den spanischen Eroberern kamen die Pocken nach Amerika und spielten dort mit über drei Millionen Toten eine wesentliche Rolle beim Untergang der alten Indianerkulturen der Inka und Azteken.
Nach Europa kamen die Pocken wahrscheinlich 166 mit dem Einzug der siegreichen Legionen nach der Einnahme der syrischen (heutiger Irak) Stadt Seleukia-Ktesiphon. Sie breitete sich rasch bis zur Donau und zum Rhein hin aus. Die Folge war ein Massensterben über 24 Jahre hin. Der Name "variola" soll der Krankheit von dem Arzt und Übersetzer Constantinus Africanus gegeben worden sein.
Die Kreuzritter des 11. und 13. Jahrhunderts trugen zu ihrer Verbreitung wesentlich bei. Seit dem 15. und 16. Jahrhundert waren die Pocken weltweit verbreitet. Über 10% der Kinder starben vor dem 10. Lebensjahr an Pocken. So galten die Pocken in Europa teilweise als Kinderkrankheit.
Ab dem 18. Jahrhundert häuften sich die Pockenfälle und lösten die Pest als schlimmste Krankheit ab. Nach Schätzungen starben jedes Jahr 400.000 Menschen an Pocken. Oft zählten Kinder erst zur Familie, wenn sie die Pocken überstanden hatten. Berühmte Persönlichkeiten wie Mozart, Haydn, Beethoven, Goethe oder eben Johannes Kepler blieben von der Krankheit nicht verschont.
Die Heiratspolitik der Habsburger wurde gleichfalls von den Pocken immer wieder durcheinandergebracht. Die Kaiserin Maria Theresia, die mit der Verheiratung ihrer Töchter an andere Herrschaftshäuser Allianzpolitik betrieb, musste mehrfach ihre Pläne ändern, weil zwei ihrer Töchter an den Pocken starben und eine dritte durch diese völlig verunstaltet wurde.
Noch in den 50er und 60er Jahren gab es in Europa Pockenepidemien, so z. B. 1950 in Glasgow, 1957 in Hamburg oder 1967 in der Tschechoslowakei. Ab 1967 wurde mit groß angelegten Impfaktionen ein weltweiter Feldzug zur Ausrottung der Pocken gestartet. Der letzte Pockenfall in Deutschland trat 1972 auf, als eine aus dem Kosovo eingeschleppte Erkrankung. Der weltweit letzte Fall wurde in Somalia 1977 dokumentiert. Am 8. Mai 1980 wurde von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgestellt, dass die Pocken ausgerottet sind.
Seitdem gibt es, zumindest offiziell, nur noch zwei Orte, an denen Pockenviren lagern, nämlich das Forschungszentrum der US-amerikanischen Seuchenbehörde CDC (Centers for Disease Control) in Atlanta und ihr russisches Gegenstück in der Nähe von Nowosibirsk. Über eine Vernichtung der letzten Bestände wird nachgedacht. Wegen der hohen Eignung der Pockenviren für Biologische Waffen konnte man sich jedoch noch nicht dazu durchringen.


Pockenmord an Indianern

Historisch belegt ist der Einsatz der Pocken als biologische Waffe z.B. aus den Indianerkriegen in Amerika. In Fort Detroit am Ohio waren die Engländer von mit den Franzosen verbündeten Indianern im Jahr 1763 eingeschlossen worden. Daraufhin schenkte der Befehlshaber des Forts, ein Oberst Henry Bouquet, zwei zu Verhandlungen im Fort weilenden Häuptlingen als Zeichen seiner Anerkennung einige pockeninfizierte Decken. Einige Zeit später gab es unter den völlig ungeschützten indianischen Bewohnern und Kriegern der Umgebung eine schwere Pockenepidemie mit zahlreichen Toten. Die Europäer dagegen waren durch zahlreiche frühere Pockenepidemien stark durchseucht und daher relativ wenig gefährdet.

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III. Krankheitsverlauf

Erreger

Die Erreger der Pocken sind Viren der Virusfamilie Poxviridae. Pockenviren sind die größten und bekanntesten Tierviren. Sie weisen Eigenschaften auf, die denen primitiver Zellen ähneln.
Zur Familie der Poxviridea gehören die Gattungen Orthopoxvirus und Parapoxvirus. Die Erreger der Pocken beim Menschen sowie die Erreger der Kuhpocken gehören zur Gattung Orthopoxvirus. Bei der Pockenerkrankung des Menschen kann man zwischen den eigentlichen echten Pocken und den ungefährlicheren weißen Pocken unterscheiden.

 

Erkrankungmedizinischer NameErregerSterblichkeit
echte Pocken Variola vera,Variola major Orthopoxvirus variola 10-90%, je nach Stamm
weiße Pocken Variola minor,Alastrim Orthopoxvirus alastrim 1-5%

PockenvirusMit einer Kantenlänge von bis zu 400 Nanometern (1 Nanometer = 1 Milliardstel Meter) gehören die ziegelförmigen Pockenviren zu den größten Krankheitserregern, die dem Menschen gefährlich werden können. Es sind hoch komplexe Viren, die DNA enthalten und von einer verhältnismäßig resistenten Eiweißhülle umgeben sind.
Ihr Genom (=Gesamtheit der vererbbaren Nukleinsäure) umfasst rund 200 Gene, die auf ca.187.000 Basenpaaren verteilt sind. Im Vergleich dazu besitzt das HI-Virus (HIV) nur 10 Gene!


Übertragung

Die Tröpfcheninfektion gehört zu den häufigsten Übertragungswegen der Pocken. Beim Sprechen, Niesen oder Husten gelangen feinste Sekrettröpfchen in die Atemwege. Aber auch per so genannter Schmierinfektion - über Kleidungsstücke oder Gegenstände - kann die Erkrankung übertragen werden.
Die Inkubationszeit beträgt acht bis 14 Tage.


Symptome

Die Pocken führen zu typischen Hautveränderungen, die verschiedene Stadien durchlaufen können. Die Bezeichnung Variola geht auf das lateinische Wort varia für verschieden oder bunt zurück und dürfte durch die vielgestaltigen Hautveränderungen entstanden sein.

PockenpustelnDie Erkrankung beginnt mit einigen uncharakteristischen Beschwerden, wie z.B. Fieber, Kreuz- und Gliederschmerzen sowie einer Entzündung der Atemwege, die ca. 2 bis 4 Tage anhalten. In diesem Stadium tritt bereits auch ein vorübergehender Hautausschlag auf. Nach einem kurzfristigen Abfall des Fiebers kommt es zu den typischen Hauterscheinungen. Sie treten in der folgenden Reihenfolge auf: Papeln (Bläschen), Vesikel, Pusteln, die dann zu Verkrustungen führen. Unter Papeln versteht man kleinere fest umrissene feste Hauterscheinungen, unter Vesikeln derartige Hauterscheinungen, die flüssigkeitsgefüllt sind, und unter Pusteln solche, die eitergefüllt sind.

Zuerst bilden sich blass-rote, juckende Bläschen (Papeln), die dann in Vesikel übergehen. Aus diesen knotenartigen Vesikeln entstehen dann flüssigkeitsgefüllte Bläschen, die sich zu mit Eiter gefüllte Pusteln umwandeln. Diese Pusteln trocknen dann unter Bildung von einer Kruste bzw. Schorf ein. Die Abstoßung dieser Krusten ist mit einem starken Juckreiz verbunden. Besonders im Gesicht bleiben daher häufig Narben, die so genannten Pocken-Narben, zurück. Die Hautveränderungen treten zuerst am Kopf auf und breiten sich dann über den gesamten Körper aus. Dabei sind besonders die Extremitäten betroffen, der Körperstamm dagegen weniger. Während dieser Zeit leiden die Patienten unter hohem treppenförmig ansteigendem Fieber mit Delirien (=akute psychische Störungen, die eine organische Ursache haben, also Verwirrtheit, Desorientierung und Wahnvorstellungen).

Als schwarze Blattern oder Variola haemorrhogica bezeichnet man eine besondere Verlaufsform der Pocken. Bei dieser Form der Erkrankung ist die Inkubationszeit verkürzt. Innerhalb weniger Tage kommt es zu ausgedehnten, schweren Blutungen in die Haut, zu Blutungen der Schleimhäute sowie innerer Organe, wie z.B. der Leber und des Herzens, aber auch des Gehirns und Rückenmarks. Die Patienten versterben bereits in der ersten Erkrankungswoche, häufig schon während der ersten 48 Stunden.

In schwereren Fällen können Erblindung, Taubheit, Lähmungen oder Hirnschäden auftreten. Oft genug verläuft die Krankheit jedoch tödlich. Die geschätzte Mortalität der unbehandelten Pocken liegt bei etwa 30%.


Diagnose

Der Nachweis der Pockenviren ist auf verschiedene Art und Weise möglich. Die Pockenviren können im Material, das aus den Bläschen und Pusteln gewonnen wurde, mit dem Elektronenmikroskop sichtbar gemacht werden. Dieser Test ist innerhalb von einigen Stunden als Schnelltest möglich. Eine Anzucht der Viren ist in Hühnerembryonen möglich. Es können aber auch serologische Verfahren angewendet werden, die spezifische Antikörper gegen die Pockenviren nachweisen. Sehr gute Ergebnisse liefert auch die Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR). Zur Zeit finden in vielen Ländern und auch in Deutschland wegen der Sorge eines terroristischen Anschlags intensive Schulungen von Ärzten statt, um ihr Wissen über die Diagnose der Pocken zu erweitern bzw. aufzufrischen.


Quarantäne
(=ist eine vorübergehende Isolierung zur Verhinderung der Ausbreitung von infektiösen Krankheiten)Quarantaene

Auf Grund ihrer hohen Ansteckungskraft gehörten Pocken zu den quarantänepflichtigen Erkrankungen, wie heute noch Pest, Gelbfieber und Cholera.
Um eine Ausbreitung der Erkrankung zu verhindern, müssen die Patienten, das betreuende medizinische Personal sowie sämtliche Kontaktpersonen strikt isoliert werden. Wohnräume, Kleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände der erkrankten Personen müssen desinfiziert werden.
Die Dauer der strengen Isolierung nach einer möglichen Infizierung beträgt bei Pocken mindestens 14 Tage.


Therapie

Eine ursächliche Bekämpfung des Pockenvirus im menschlichen Körper ist nicht möglich. Da Antibiotika nur gegen Bakterien, nicht aber gegenüber Viren wirken, können die Ärzte lediglich die Symptome bekämpfen, indem sie Bettruhe, fiebersenkende Medikamente und eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr verordnen.

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IV. Schutzimpfung

PockenimpfungGegen Pocken gibt es kein Heilmittel, ein erfolgreicher Schutz vor einer Ansteckung mit den Pocken kann nur durch eine Schutzimpfung erreicht werden. Die Pocken sind das bisher einzige Beispiel für die Ausrottung einer Erkrankung durch konsequente Durchimpfung der Bevölkerung weltweit. Dies war nur möglich, da nur der Mensch und keine Wildtiere von Pockenviren infiziert werden können. In geimpften Personen kann sich das Virus nicht vermehren und stirbt ab.
Die Impfung kann ihre Schutzwirkung auch noch entfalten, wenn sie bis etwa fünf Tage nach der Infektion vorgenommen wird.
Die Pockenimpfung ist eine Lebendimpfung und ist durch eine Reihe von Impfkomplikationen belastet, so dass nur bei eindeutigen Pockenausbrüchen geimpft werden sollte.

Die vorbeugende Ansteckung mit geringen Mengen von Variolaviren, heute Variolation genannt, ist schon seit mindestens 3000 Jahren aus China bekannt, wo zerriebener Schorf der Pusteln geschnupft wurde. In Indien dagegen wurde dieses Material in die Haut eingeritzt. In Europa führte Lady Montagu, die Frau eines britischen Diplomaten in Istanbul, die Variolation durch Einritzen von etwas Flüssigkeit aus den Pockenbläschen in die Haut ein.

JennerDie zweite, sicherere Impfmethode wurde 1796 von Edward Jenner in England eingeführt. Er glaubte der Landbevölkerung, die berichtete, dass Menschen, die von Kuhpocken angesteckt worden waren, nicht mehr die echten Pocken bekommen könnten. Zur Überprüfung dieser These infizierte Jenner einen Jungen zunächst mit Kuhpocken und, nach Abklingen der Krankheit, mit den echten Pocken. Der Junge überlebte. Dieses Verfahren wird, nach den verwendeten Vaccinia-Viren, Vakzination genannt.
Die gesetzliche Pockenschutzimpfung wurde am 26. August 1807 von Bayern als weltweit erstem Land eingeführt.

Die Schutzimpfung gegen Pocken wurde auf Beschluss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1967 weltweit Pflicht. Dank dieser Maßnahme trat 1977 der letzte Pockenfall weltweit in Somalia auf. Am 8. Mai 1980 wurde die Welt von der WHO für "pockenfrei" erklärt. Die Pockenimpfung wurde in Deutschland 1975 und weltweit 1980 ausgesetzt.

Die Gefahr eines tödlichen Impfzwischenfalls liegt bei den derzeit verfügbaren Impfstoffen etwa bei 1-2 pro 1.000.000 geimpfter Menschen. Das würde bedeuten, dass bei einer Impfung aller Bundesbürger, also von rund 80 Millionen Menschen, mit etwa 80 bis 160 tödlichen Zwischenfällen zu rechnen wäre. Schwerere Impfschäden, wie z.B. Hirnhautentzündungen, sind etwas häufiger. Dabei müsste bei 80 Millionen geimpften Menschen mit einigen Hundert schweren Impfschäden gerechnet werden. Die erste weltweit öffentliche Impfstation, vor allem gegen die Pocken, wurde, wie oben bereits erwähnt, im Jahr 1802 in Berlin durch den preußischen König Friedrich-Wilhelm III. und seine Frau Luise unter dem Namen "Königlich-Preußisches Schutzblattern-Impfinstitut" eröffnet. Der König ließ zu diesem Anlass seinen jüngsten Sohn Wilhelm gegen die Pocken impfen.

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