Es handelt sich um eine absurde und abstruse -auch nicht neue, sondern zum wiederholten Male aufgewärmte -"Giftmord-Story",die allerdings richtig spannend geschrieben ist und vordergründig auch seriös daher kommt.
 
Mit diesem Giftmord-Scenario ist der Autor Joshua Gilder, ein Romanschriftsteller und früherer Redenschreiber des Weissen Hauses, offenbar in seinem Element, ist er doch bisher vor allem als Autor eines Medizin-Thrillers hervorgetreten. Die Co-Autorin, seine Frau Anne-Lee Gilder, hat als ehemalige deutsche Fernsehjournalistin natürlich jetzt auch den deutschsprachigen Buchmarkt im Visier.
 
Man kann eine "Story" auf viele Arten erzählen, vor allem wenn die Hauptpersonen schon seit Jahrhunderten tot sind und nicht mehr als Gegenkläger auftreten und sich verteidigen können. Um ihre Verschwörungstheorie zu begründen, verfolgen die Autoren eine Doppelstrategie: Tendenzielle Spekulationen mit (seit den letzten neunziger Jahren bekannten!) medizinisch-technischen Hintergründen sowie die systematische Herabwürdigung und Verunglimpfung von Keplers Charakter und Leistung bei gleichzeitiger Glorifizierung von Tycho Brahe als Persönlichkeit und Forscher.
 
Medizinisch-technische Hintergründe von Tychos Erkrankung und Tod
 
1991 übergab der Direktor des tschechischen Nationalmuseums dem dänischen Botschafter in Prag ein Kästchen mit Barthaaren Tycho Brahes, die bereits 1901 bei der Öffnung von Tychos Grab in der Teyn-Kirche gefunden wurden. In Kopenhagen wurden die Barthaare am gerichtsmedizinischen Institut der Universität mit Hilfe eines Atom-Absorptionsspektrometers auf Spuren von Blei, Arsen und Quecksilber untersucht.
 
Die Untersuchung ergab: Der Bleigehalt war ziemlich hoch, was aber auf die Verwendung von Blei in Wasserrohren, Küchengeschirr und als Süssungsmittel für Wein zurückgeführt werden kann. Der Arsengehalt war sehr gering. Dagegen fand sich eine deutlich erhöhte Konzentration von Quecksilber in Tychos Barthaar. Ob allerdings Tycho Brahe an einer Quecksilbervergiftung starb, ist bis heute unbewiesen.
 
Fünf Jahre später, 1996, wurde an der Universität Lund/Schweden eine weitere Untersuchung an einem Barthaar mit Wurzel vorgenommen, dieses Mal nach der PIXE-Methode (Particle Induced X-ray Emission). Nun konnte auch der Zeitpunkt ermittelt werden, an dem das Barthaar der Substanz ausgesetzt wurde. Die Untersuchung mit der PIXE-Methode ergab, dass Tycho einen Tag vor seinemTod Quecksilber einnahm, wahrscheinlich in einer von ihm selbst hergestellten Medizin, die er wegen seines Blasenleidens (wohl regelmässig) eingenommen hat.
Es ist dabei wichtig zu beachten, dass in der damaligen Zeit Medikamente eingesetzt wurden, die Quecksilber als wichtigen Bestandteil enthielten.
 
Außerdem hat Brahe -neben seinen astronomischen Forschungen - 30 Jahre lang alchemistische Experimente durchgeführt. In der Alchemie spielte damals Quecksilber eine besonders wichtige Rolle. Bei den dabei sehr häufig durchgeführten Destillationen mit elementarem Quecksilber befand sich der Alchemist geradezu in einer Wolke von Quecksilberdampf. Quecksilber in Dampfform ist bekanntlich lungengängig und wird über das Blut in sich nachbildenden Organen des Körpers (z.B. in Haaren) angereichert. Man kann davon ausgehen, dass Alchemisten demnach sowieso chronisch quecksilberbelastet waren, und braucht sich über hohe Konzentrationen in Haaren nicht zu wundern. In seinem chemischen Labor hat Brahe ausserdem ständig quecksilberhaltige Medikamente gegen epidemische Krankheiten zubereitet. Tycho Brahe hat also jahrzehntelang mit Quecksilber hantiert.
 
Es gibt keinerlei medizinische Hinweise und schon gar keine Beweise, dass Tycho Brahe ermordet wurde -von wem auch immer -auch nicht mit Quecksilber.
 
Einer der engsten Freunde von Tycho Brahe, Dr. Johannes Jessenius, beschrieb den Krankheitsverlauf von Tycho in der letzten Phase so, dass Tycho in grosser Klarheit sehr viele Dinge ordnete und sich inmitten von Betenden von allen verabschiedete. Das ist nur so zu deuten, dass er sich seines nahe bevorstehenden Todes bewusst war. Doch wie sein Krankheitsverlauf an den letzten Lebenstagen Tychos wirklich war, werden wir nie wissen.
 
Tycho Brahe hat dabei auch festgelegt, dass nach seinem Tod, Johannes Kepler alle seine wissenschaftlichen Unterlagen durchsehen soll. Kepler hat dann nach Brahes Tod einige von Brahe begonnene Arbeiten abgeschlossen und korrekterweise nur unter Tycho Brahes Namen veröffentlicht.
 
Außerdem hat Brahe auf dem Totenbett Kepler als seinen Nachfolger als Kaiserlicher Mathematiker vorgeschlagen, was von Kaiser Rudolph II dann vollzogen wurde.
 
Es ist aber offenbar trotzdem für manche Autoren eine unwiderstehliche Versuchung, auf einer solchen Basis entsprechend spekulative Giftmord-Szenarien und Verschwörungstheorien zu entwickeln - nicht zuletzt weil sich damit auch hohe Buch-Auflagen und Quoten in den Medien erzielen lassen.
 
Nachdem diese Untersuchungsergebnisse bekannt waren, entstanden bereits in den neunziger Jahren die ersten reisserischen Spekulationen. So erschien z.B. schon im Jahr 1992 das Buch eines christlichen Fundamentalisten, der behauptete, Kepler habe -als damaliger Mitarbeiter von Tycho Brahe -Tycho vergiftet, um in den Besitz der tychonischen Beobachtungsdaten zu kommen. Ausserdem sei Kepler kein im Sinne der Evangelikalen gläubiger Christ gewesen, da er ja eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung des kopernikanischen Weltbildes gespielt habe. Und dieses Weltbild sei abzulehnen, da dies ja so nicht wörtlich in der Bibel stünde.
 
Tycho Brahe und Johannes Kepler
 
Im Gegensatz zu allen bisherigen Biographien über Brahe und Kepler versuchen die Autoren des angesprochenen Buches alles, um ein möglichst vernichtendes Bild von Keplers Charakter zu zeichnen und eine möglichst grossmütige, erhabene und edle Persönlichkeit von Brahe dagegen zu stellen.
 
Diese durchsichtigen und ausschliesslich dem spekulativen Ziel des Buches zweckdienlichen Unterstellungen können jedoch aufgrund aller vorliegenden, wissenschaftlich fundierten Biographien über die beiden Personen nur als absurd bezeichnet werden.
 
Kepler war sicher keine einfache Persönlichkeit. Aber er wird in allen anspruchsvollen Arbeiten über seine Persönlichkeit ohne Ausnahme als ein friedliebender, tiefgläubiger Christ dargestellt, der während seines ganzen Lebens Brücken gebaut hat zwischen sich bekämpfenden religiösen, politischen und sozialen Gruppen.
 
Ohne Tycho Brahe in ein schlechtes Licht setzen zu wollen, ist sich die Fachwelt doch einig, dass er eine extrem autokratische Persönlichkeit war, die häufig weit entfernt war von Grossmut, Güte und Milde.
 
Kepler war auch nie der "Assistent" von Brahe, sondern ein von ihm nach Prag eingeladener Gastwissenschaftler. Denn Brahe hatte frühzeitig erkannt, dass der 25 Jahre jüngere Kepler wohl der kommende Mann auf dem Gebiet der Astronomie ist. Der junge Kepler seinerseits war im Jahr 1600 hoch erfreut, mit Tycho zusammenarbeiten zu können. Brahe war zu der Zeit der bedeutendste messende astronomische Beobachter, der in Kepler bereits den überragenden Theoretiker erkannte. Da sich die beiden wissenschaftlich nahezu ideal ergänzten, waren beide auch an einer fachlichen Zusammenarbeit stark interessiert.
 
Hätte Kepler überhaupt ein Mord-Motiv haben können, um an Brahes Messdaten heranzukommen?
 
Nein, denn Kepler hat von Tycho Brahe selbst dessen wichtigste Messdaten, nämlich seine umfangreichen Marsdaten erhalten. über keinen anderen Planeten hatte Tycho mehr Messdaten gewonnen als über den Mars! Bereits vor Tychos Tod war Kepler in der Analyse der Marsbewegung gut vorangekommen.
 
Auf Wunsch von Brahe sollte Kepler die Marsbahn, die eine besonders grosse Exzentrizität (Abweichung von der Kreisbahn) aufweist, näher untersuchen. Für diese Forschungen konnte Kepler bereits zu Lebzeiten Brahes dessen Beobachtungen umfassend nutzen! Er nannte dann seine weiteren Arbeiten fürseine berühmte "Astronomia Nova"(mit den beiden ersten Keplerschen Gesetzen) auch griffig seinen "Kampf mit dem Mars".
 
Außerdem waren Brahe und Kepler sechs Wochen vor Brahes Tod gemeinsam bei Kaiser Rudolph II, um das von Rudolph an beide Astronomen in Auftrag gegebene Projekt zu besprechen, neue verbesserte Planetentafeln zu berechnen. Dabei wurde vom Kaiser festgelegt, dass Kepler alle Messdaten von Brahe für die Berechnung dieser Tafeln zur Verfügung stehen müssen und diese Tafeln den Namen "Rudolphinische Tafeln" erhalten sollen.
 
Es gab also - auch von der Sache her - kein Motiv für Kepler, Tycho Brahe zu ermorden.
 
Die späteren heftigen Auseinandersetzungen zwischen Kepler und den Erben von Tycho Brahe, die (nach Brahes Tod) vor allem dessen wertvolle Messdaten vermarkten wollten, sind eindeutig eine ganz andere Geschichte.
 
Keplers Bedeutung für die neuzeitliche Naturwissenschaft
 
Johannes Kepler hat zusammen mit Galileo Galilei, René Descartes und Isaac Newton im 17. Jahrhundert die neuzeitliche Naturwissenschaft begründet. Keplers Forschungsmethode, theoretische Erkenntnisse konsequent mit experimentellen Ergebnissen zu überprüfen, wurde zum Vorbild in den Naturwissenschaften.
 
Kepler hat ein Werk von überragender wissenschaftlicher Bedeutung und Vielfalt hinterlassen, auf dem Generationen von Forschern aufbauten. Er leistete nicht nur Bahnbrechendes in der Astronomie, sondern auch in der wissenschaftlichen Optik, Mathematik, Musiktheorie und Naturphilosophie.
 
Er machte sich bereits am Anfang des 17. Jahrhunderts Gedanken darüber, wie der Mensch zum Mond gelangen könnte, und schuf mit seinen Erkenntnissen wichtige Grundlagen dafür, dass dieser Menschheitstraum im 20. Jahrhundert Wirklichkeit werden konnte.
 
Keplers Bedeutung für die heutige Jugend
 
Auf der Basis einer tiefgehenden Kepler-Forschung im 20. Jahrhundert gilt Kepler als ein leuchtendes Beispiel für verantwortungsvolle, der Wahrheit verpflichtete Forschung, abhold jeglichem Dogmatismus. Das gilt besonders für die heutige Jugend, die zukünftig vor grosse ethische Fragen und Probleme umwälzender neuer wissenschaftlicher und technischer Möglichkeiten, Erkenntnisse und Herausforderungen gestellt sein wird.
 
Der lautere Charakter und die grosse Forscherpersönlichkeit von Johannes Kepler kann dabei Vorbild sein.
 
Ethische Verantwortung von Autoren und Medien
 
Die Lektüre des vorliegenden Buches mahnt eindringlich, dass nicht jeder Zweck die Mittel heiligen darf. Die hier abgegebene Stellungnahme der Kepler-Gesellschaft dringt darauf, dass (hoffentlich) spätestens bei der medialen Begleitung Grenzen ethischer Verantwortung kritisch hinterfragt werden.
 
Weil der Stadt, 04. März 2005
 
Prof. Dr. Manfred Fischer
Für den Vorstand der Kepler-Gesellschaft e.V.
 
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